Short Snap – von der Kunst, mehr zu wagen.

In meiner Ausbildung zur Hotelfachfrau habe ich mich einmal getraut, das Phänomen “The Ritz” zu betreten- und es ist, mit seiner ursprünglichsten Absicht, seither nicht mehr aus meinem Leben zu denken. Ich wollte unbedingt Teil dieser Welt sein, Glanz und Gloria soweit das Auge reichte. Ich musste mich so oft bewerben, dass andere das Handtuch geworfen hätten – ich aber blieb dran und wurde irgendwann erhört. Ich bekam nicht die Stelle, auf die ich mich bewarb, aber ich war angenommen – dort, wo die Reichen und Schönen Ihre Urlaube verbringen oder bei einem 14,00-Euro-Kaffee schnöselige Büroarbeit erledigen.
Da war ich nun, wurde wochenlang eingeführt ins Mysterium des Service und stellte mich, nicht nur einmal, an wie ein Elefant im Porzellanladen. Ja, das Restaurant, das war nichts für mich. Wären die Gäste gekommen, nur, um einfach da zu sein, ohne zu erwarten, dass man Ihnen ihr Dinner und Getränke serviert – sie wären bei mir genau richtig gewesen.
Man lernt in stundenlangen Schulungen, wie man Gäste an sich bindet, wie man ihnen ein “Wow!” entlockt. Und das war es. Das verstand ich gut. Ich hatte so viele Ideen, konnte so viel davon umsetzen. Ich wagte mich an Geschichten, die keine andere Zeit meines Lebens je erzählen können wird. Ich lernte Gäste kennen, die mich noch heute tief in meinem Herzen erreichen, weil ich, während ich doch eigentlich nur arbeitete, auch Teil ihrer Historie werden durfte. Aber. Reiche Gäste wollen bezirzt werden, wollen, dass man rund um die Uhr um sie bemüht ist. Dass man ihnen das bringt, wonach sie verlangen, schließlich sitzen sie ja auf der Seite des Tisches, auf der die Welt so schön unkompliziert scheint. Dies ging mit einem dicken Überstundenkonto einher und am Ende zu Lasten meines Wohlseins. Dies und die Schattenseiten der Luxushotellerie waren der Grund, wieso ich ihr den Rücken zuwandte. Aber all meine Demut gehört noch immer diesem Haus und dem, was es mich gelehrt hat: es gehört nicht viel dazu, immer einen Schritt weiter zu gehen. Was hält mich davon ab, einen mir unbekannten Menschen nur ein kleines Stückchen glücklicher zu machen, indem ich mit offenen Augen durch meine Welt gehe? Was hält mich davon ab, meinen Liebsten zuzuhören und nicht zu vergessen, was sie beschäftigt? Was in aller Welt kostet es mich, anderen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, indem ich selbst eines verschenke? Es ist am Ende eigentlich doch keine Kunst, diesen einen kleinen Schritt zu wagen, oder?
Euer
Signatur
PS: Auf dem Titelbild seht ihr Daniel Simon, den Designer der Tron-Fahrzeuge und mich, nachdem ich ihm die, im Restaurant vergessene, Sonnenbrille ans Terminal des Flughafen Tegel brachte. Damit ihr versteht, was ich meine: er erzählte mir am Morgen, während ich ihn zum Tisch begleitete, zu welcher Veranstaltung es als nächstes ginge und dass ihm vor dem Flug graute, weil er wenig geschlafen hatte. Er wusste, bis ich alle Infos wie ein Detektiv zusammenfügte, mir Google zunutze machte und auf gut Glück später vor ihm stand, nicht, dass er seine Sonnenbrille hatte liegen lassen. 🙂

This entry was published on September 26, 2013 at 6:44 pm. It’s filed under Lebensart, Lifelines & Kolumne and tagged , , , , , , , , , . Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.

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